Geistliches Wort zum Sonntag, 5. Februar 2012

Vom Umgang mit Schuld

Wir liegen vor dir mit unserem Gebet und vertrauen nicht auf unsere Gerechtigkeit, sondern auf deine große Barmherzigkeit. Dan 9,18

Der Wochenspruch für die nächste Woche stammt aus dem Buch des Propheten Daniel und benennt ein Problem, dem wir gern aus dem Weg gehen. Es geht um den Umgang mit Schuld. Wie schwer wir uns mit Schuld tun, zeigen ganz unterschiedliche Erfahrungen. Da ist zunächst die Erfahrung, dass man über Schuld nicht reden möchte, vor allem, wenn es um die eigene Schuld geht. Es gibt eine große Kunst des Verdrängens. Gerade wer schwere Schuld auf sich geladen hat, sucht oft diesen Weg. Tiefe Scham verhindert die Auseinandersetzung mit den eigenen Versäumnissen und Fehlern.

Vielleicht wirkt in unserem Umgang mit Schuld noch die Erfahrung mit dem Nationalsozialismus nach. Nach dem Krieg war es lange kaum möglich, über die schrecklichen Verbrechen zu reden, die während der Naziherrschaft in Deutschland geschehen waren. Angesichts der Ungeheuerlichkeit der Untaten fehlten nicht nur die Worte, sondern auch jegliche Maßstäbe für Urteile und Strafen. Muss nicht alles, was danach an Schuld geschah, irgendwie klein und normal wirken?

Eine scheinbar gegensätzliche Erfahrung gehört auch in unseren Alltag. Man könnte sie die Entschuldigungsseuche nennen. Der Zug kommt mit einer Minute Verspätung im Bahnhof an. Mit freundlicher Stimme meldet sich die Zugbegleiterin und bittet um Entschuldigung für Unannehmlichkeiten und wünscht gute Weiterreise. Denselben Satz sagt sie auch, wenn man zwei Stunden im Tunnel hängen geblieben ist. Für alles und jedes bittet man um Entschuldigung und damit ist die Sache dann auch erledigt. Schuld wird benannt und auch gleich erlassen.
Aber es begegnet auch die Erfahrung, dass Schuld nicht mehr vorkommen darf. Das Leben soll leicht und angenehm, erfolgreich und glücklich sein. Da stört die Erfahrung mit Schuld. Eigentlich, so gaukelt man sich vor, ist alles irgendwie machbar und lösbar. Schuld ist da ein störender Zwischenfall, den man vermeiden kann.

Das Gebet des Propheten stellt Schuld noch einmal in einen ganz anderen Zusammenhang. Daniel stellt seine Schuld nicht in Frage. Er weiß darum, dass sie zum Leben gehört. Schuldigwerden ist ein Teil des Menschseins. Gerade das Bewusstsein von Schuld, die Erfahrung seiner Grenzen, macht den Menschen menschlich. Der Mensch, der ohne Schuld sein will oder seine Schuld ständig verdrängt, überfordert sich grenzenlos. Er stellt sich an die Stelle Gottes. Luther hat einmal geschrieben: „Wir sollen Menschen sein und nicht Gott. Das ist die Summa.“ Nur, wo der Mensch sich seiner Fehler und Versäumnisse bewusst ist, kann er menschlich leben. Daniel breitet seine Schuld vor Gott aus. Für ihn gehört sie in die Beziehung mit Gott. Denn wer schuldig wird, verletzt das Leben, das Gott geschenkt hat. Erst in der Begegnung mit Gott wird Schuld in ihrer ganzen Bedeutung erkannt. Wenn Daniel sagt, dass er vor Gott liege, zeigt das nicht nur seine Unterwürfigkeit. Denn Daniel wurde auch aufgefordert, sich vor dem König niederzuwerfen. Das verweigerte er. Nur vor Gott wollte er sich beugen. Ihm war er Rechenschaft schuldig. Wer seine Schuld bekennt, der nimmt seine Verantwortung vor Gott wahr. Aber Daniel ist so nüchtern, dass er erkennt: Seine Schuld kann er nicht einfach tilgen. Er vertraut nicht auf seine Gerechtigkeit. Gerade wenn die Schwere einer Schuld in den Blick kommt, wenn Menschen bitter erfahren, dass die Folgen einer Tat nicht ungeschehen zu machen sind, wird deutlich, wie schwer es ist, Schuld loszuwerden. Daniel macht die Erfahrung: Ohne Gottes Barmherzigkeit geht es nicht. Vielleicht fällt uns heute der Umgang mit Schuld so schwer, weil wir alles mit uns selbst abmachen wollen. Letztlich können wir Schuld nur bekennen, wenn wir etwas von Gottes Gnade erfahren haben. Wir brauchen das Vertrauen in Gottes Barmherzigkeit. Daniel gibt diesem Vertrauen Raum in seinem Gebet. Solches Vertrauen haben wir nötig. Es hilft uns nicht nur, unsere Schuld zu erkennen und auszusprechen, sondern auch die befreiende Erfahrung von Vergebung zu machen.  Wer lernt, mit seiner Schuld umzugehen, der wird ein menschlicher Mensch. Das ist eine große Aufgabe. Es lohnt sich, sie anzunehmen.  

Christoph Bergner, Pfarrer der Michaelsgemeinde in Bensheim