Geistliches Wort zum Sonntag, 11. Mai 2013

 

Liebe Leserin, lieber Leser,

vorgestern war Himmelfahrtstag. Etliche Kirchengemeinden feierten Gottesdienste im Freien oder an besonderen Orten und fühlten sich so dem Himmel nah.

In der breiten Öffentlichkeit scheint der Himmelfahrtstag jedoch seine religiöse Bedeutung verloren zu haben.  Jedenfalls fiel mir auf, dass Moderatorinnen, Nachrichtensprecher und Wettervorhersagerinnen stets Bezug auf den Vatertag nahmen, nicht aber auf Himmelfahrt. Dieser Feiertag scheint vielen Menschen Schwierigkeiten zu bereiten, viel mehr noch als Ostern oder gar Weihnachten. Die Vorstellung, Christus sei auf einer Wolke gen Himmel aufgefahren ist uns doch sehr fremd. Seit es Luft-und Raumfahrt gibt, scheint für viele Menschen der Beweis geführt, dass es keinen Gott im Himmel gibt und der christliche Glaube damit schlechthin überholt sei.

Deshalb wohl werde ich immer wieder gefragt, wie denn mein Mann und ich miteinander klarkommen; so als könne es für einen Physiker keinen Glauben an Gott geben, und als würde ich als Theologin naturwissenschaftliche Erkenntnisse ignorieren. Weder das eine noch das andere ist zutreffend. Das Problem scheint mir vielmehr auf einer anderen Ebene zu liegen, nämlich, wie sehr auch aufgeklärte Menschen in Bildern denken. Vor zweitausend Jahren schien den Menschen der Himmel, den wir sehen, endlich, dahinter, glaubten sie, sei Gottes Himmelreich gelegen. Dieses Bild  kann angesichts unseres Wissens über das Weltall nicht bestehen. Jesus hat aber immer wieder darauf hingewiesen, dass das Reich Gottes schon Wirklichkeit sei, und zwar im Hier und Jetzt. Wenn Menschen konkrete Aussagen haben wollten, wie es denn im „Jenseitigen“ sei, hat Jesus in Bildern gesprochen. „Das Reich Gottes ist wie...“ beginnen viele Gleichnisse. Sie erzählen Geschichten, die im Alltag passieren und die doch verwundern, weil das Handeln der Menschen anders ist als wir es erwarten. Das Himmelreich, so sagt uns Jesus, ist auch anders als wir es erwarten und uns vorstellen. Es übersteigt unsere Vorstellungskraft und wir müssen uns entscheiden, ob wir die Bilder verabsolutieren wollen oder ob wir sie als Hilfestellung annehmen, um uns darauf einzulassen, dass der Himmel eben das ganz Unbekannte, das Unbegreifliche ist.

Die Geschichte von Christi Himmelfahrt ist für mich ein Bild dafür, wie sich die Gegenwart Jesu Christi verändert. Die Leiblichkeit, das, was Menschen von Gott vor Augen haben konnten, weicht einer neuen Wirklichkeit: Jesus Christus ist gegenwärtig im Wirken der Gläubigen. Gottes Himmel ist da, wo Menschen liebevoll miteinander umgehen. Wo Jesu Christi Botschaft verkündet und gelebt wird, dort „fährt“ er immer wieder hin auch heute noch. Himmelfahrt ist für mich ganz und gar nicht befremdlich, sondern erfahrbare Glaubenswirklichkeit.

Silke Bienhaus, Seelsorgerin im Kreiskrankenhaus Bergstraße und in der Fachklinik Lorsch, Pfarrerin in der Evangelischen Christuskirche Heppenheim