Geistliches Wort zum Sonntag, 5. September 2010

Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat.

Psalm 103,2

Da ist ein Mensch, der sich selbst zum Gotteslob ruft, um nicht das Gute zu vergessen, das ihm im Leben widerfahren ist. Dahinter steht die Vorstellung, dass alles Gute von Gott kommt. Als gut erscheint, was uns wohl tut, was freundlich und intakt ist. Leider vermissen wir das so oft im eigenen Leben, wie im Ergehen dieser Welt. Da sehen wir eher Kräfte am Werk, die Leben behindern oder gar zerstören und wir erleben unsfrustrierend machtlos.

Ich denke an die Bilder von der Flut mit dem unendlichen Leid in Pakistan und höre Menschen fragen: Warum lässt Gott so etwas zu? Allein die Frage sucht nicht wirklich nach Antwort. Im Grunde ist sie eine dreiste Anklage Gottes. Sie zielt auf  seine Verurteilung und wenn Gott erst verurteilt ist, dann braucht sich kein Mensch mehr vor ihm zu rechtfertigen: nicht für den Raubbau an der Schöpfung, nicht für Überheblichkeit und Selbstüberschätzung, nicht für die Missachtung der Naturgesetze, nicht für das Versagen im Blick auf den Weltfrieden, nicht für das Zögern hinsichtlich der Hilfsbereitschaft bei Katastrophen. Doch der Mensch, der sich so von Gott distanziert, wird  zum Opfer seiner eigenen Heillosigkeit. Indem er das Gute vergisst, das ihm Gott in seiner Freundlichkeit geschenkt hat, wird er selbst geizig im Tun des Guten gegenüber anderen.


Der Psalmen-Beter weiß: Gotteslob und Nichtvergessen gehören zusammen. Das Gute will erinnert, festgehalten und weiterentwickelt werden. Das Böse darf nicht vergessen und nicht schöngeredet, sondern es soll in Schranken gewiesen und überwunden werden. Das kann der Mensch nicht von sich aus leisten. Dazu braucht er Gottes Beistand und Nähe.     


Als Lobende sind wir Gott verbunden. Indem wir der Erinnerung des Guten in unseren Herzen Raum geben, gewinnen wir Auftrieb gegenüber allem, was uns in die Tiefe ziehen will. Das wirkt wie ein Elixier. Der Psalm findet ein wunderbares Bild, darüber Gott zu rühmen: „Er macht deinen Mund fröhlich, dass du wieder jung wirst wie ein Adler.“ Die Erinnerung gibt Flügel, mit denen wir uns zu einer höheren Sicht aufschwingen können. So bekommen wir den rechten Blick für unsere Möglichkeiten, aber auch für unsere Grenzen. Dass wir sie annehmen, hängt wesentlich davon ab, ob wir verstanden haben, was uns im Leben hält und noch darüber hinaus. Wir Christen haben vom Evangelium die Hoffnung auf die endgültige Überwindung aller Not und allen Leids. Es warten Heil und Erlösung; das jedoch in einer Zukunft, die noch aussteht. Bis dahin hat Gott uns in allen Erfahrungen, in guten wie in bösen, seine Nähe zugesagt. In Christus ist er einer von uns geworden, hat Leid und Tod mit uns geteilt. Mit der Auferstehung hat er das Böse zum Guten durchkreuzt und das alte Symbol grausamen Leidens und heilloser Gottesferne in ein Heilszeichen verwandelt. So können wir Gott auch noch an der Grenze unseres irdischen Lebens loben. Wir wissen, Gott schenkt uns Zukunft in seinem Licht und wir wissen uns bei dem Kreuz Christi gut aufgehoben.


Die Evangelische Kirchengemeinde Bensheim-Auerbach und Hochstädten hat deshalb unter dem Kreuz in ihrem Kirchenwald einen Urnen-Friedhof eingerichtet. Mitglieder der Kirchengemeinde können künftig an diesem Ort der Hoffnung ihre letzte Ruhestätte finden. Der Gottesdienst zur Einweihung des Friedhofs ist am19. September um 15 Uhr in der dortigen Not-Gottes-Kapelle im Wald neben der Straße zum Auerbacher Schloss.


Karl Michael Engelbrecht, Ev. Pfarrer in Auerbach         

Das Foto zeigt den Friedhof mit Kapelle und Kreuz.