Wenn Paul Rayment bereit wäre, eine Prothese zu tragen, dann
würden auch keine Bücher mehr geschrieben. Dies war die
einfach Erkenntnis am Ende einer hitzigen Diskussion im Lesezirkel
„Literatur und Religion“. Eine Teilnehmerin vermisste
mangelnde Anpassungsfähig Pauls an die bittere Realität
– der alternde Fotograf verlor bei einem Verkehrsunfall ein
Bein und findet sich im Leben nicht zu Recht.
Andere sahen in der Hauptfigur Paul weniger den australischen Sonderling,
den der 1940 in Südafrika geborene und 2002 nach Australien
emigrierte Nobel-Preisträger J.M. Coetzee lakonisch beschreibt,
sondern einen alten, einsamen Menschen, der sich in „Zeitlupe“
die Frage nach dem Sinn seines Lebens stellt. Seine Ehe war gescheitert
und kinderlos geblieben. Lediglich an einer Fotosammlung, die er
einer nationalen Stiftung überlassen möchte, hängt
sein Herz.
Nach „Der Meister von Petersburg“ und „Schande“
war „Zeitlupe“, das in Englisch den Titel „slow
man“ trägt, das dritte Buch des Autors in den vergangenen
Jahren, mit dem sich die Lesefreunde im Oberlin-Haus auseinandersetzten.
Besonders beeindruckte sie, dass Coetzee aus dem zufälligen
Unfall eines Mannes eine Geschichte entwickelt, die breit streut:
Fragen der Krankenpflege. der Einwanderergesellschaft, der Originalität
eines Bildes in Zeiten der Computerfotografie, der Familiendynamik,
der Liebe und der Sexualität im Alter tauchen auf.
Nicht zuletzt überrascht Coetzee seinen Beinamputierten mit
einem Liegerad, das die kroatische, hilfsbereite Familie Jokic´
für ihn gebaut hat. Der Behinderte wiederum gibt seiner literarischen
Freundin Elizabeth Costello, die als Spiegel für Pauls Gewissenbisse
herhalten muss, einen Korb, indem er gegenüber der Wohungssuchenden
barsch sagt: „Nein. Das ist keine Liebe. Das ist etwas anderes.
Es ist weniger“. Die Sehnsucht nach einem erfüllten Leben
bleibt dennoch.
Text: Dirk Römer, Pfr.
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