Projekt des Evangelischen Dekanates Bergstraße
Dorothea Steigler ist als Pfarrerstochter in Gorxheimertal aufgewachsen. Heute studiert sie in Darmstadt Sozialwissenschaft. Als sie vom Aufruf des evangelischen Dekanates Bergstraße Süd hörte, georgischen Studenten beim Wiederaufbau einer verfallenen Klosterkirche zu helfen, war schnell klar, sie wird in ihren Semesterferien mit dabei sein. Vier Wochen lebte sie unter einfachsten Lebensbedingungen mit anderen 20 jungen Menschen unweit der türkischen Grenze. Von früh morgens bis spät Abend arbeitete sie mit Gleichaltrigen, führte – wenn auch oft von einer Dolmetscherin unterstützt- intensive Gespräche. Vor allem aber sammelte sie rund um das alte Kloster und bei Besuchen sozialer Einrichtungen in Georgien viele Eindrücke, die sie nicht mehr loslassen. „Die Leute im Land sind bitterarm. Viele Ältere leben mit umgerechnet sieben Euro Rente im Monat, es gibt im ganzen Land nur ein Frauenhaus, das einer Baracke gleicht, und die Kinderheime sind in einem erbärmlichen Zustand. Oft fehlt dort sogar das Essen“, erklärte Dorthea Steigler nach ihrer Rückkehr. Sie ist aber zutiefst beeindruckt vom Zusammenhalt der Georgier, den sie vor allem auch unter den arbeitenden Studenten spürte: “ Überall in Georgien herrscht ein großes Wir-Gefühl. Die Leute wollen ihr Land wieder aufbauen und suchen nach vielen Kriegen und Fremdbestimmungen wieder ihre eigene Identität“. Aufbau- und Aufbruchstimmung war gerade beim Wiederaufbau der romanischen Klosterkirche bei Dschulewie zu spüren. Das einsam gelegene orthodoxe Gotteshaus stammt aus dem 13. Jahrhundert und war als „Bollwerk“ gegen den Islam errichtet worden. Bis vor wenigen Jahren befand sich das Gotteshaus in einem erbärmlichen Zustand. Einzigartige Wandmalereien waren übertüncht worden, durch das Dach regnete es, die Nord- und Westwände aus Kalkstein verfielen. Doch dann kam der zuständige Bischof des Bistums auf die Idee, Studenten könnten bei der Renovierung des Gebäudes mithelfen. Bereits 2004 wurde von der Botschaft der Bundesrepublik Deutschland einmalig eine Gruppe georgischer Studenten bei dem Vorhaben unterstützt. Die jungen Menschen reparieren und restaurieren unter fachkundiger Anleitung seitdem das einmalige sakrale Bauwerk. Drei Mönche und drei Novizen haben sich im Kloster wiederangesiedelt. Sie leben und arbeiten dort als Selbstversorger.
Der in Lindenfels lebende Professor Bernhard Suin de Boutemard hat das evangelische Dekanat Bergstraße Süd dafür gewonnen, tragende Kontakte zwischen jungen Leuten hier und den georgischen Studenten aufzubauen. Auch in Zukunft sollen junge Menschen nach Georgien reisen und georgischen Studenten beim Wiederaufbau des Klosters helfen. „Ich bin auf alle Fälle wieder mit dabei und möchte weitere Jugendliche für den Einsatz gewinnen.“, sagt Dorothea Steigler. Sie will weiter ihren Beitrag dazu leisten, den Prozess einer neuen Identitätsbildung der georgischen Menschen ein Stück weiter voran zu bringen. Das diene auch dem Aufbau einer kirchlichen, nationalen und kulturellen Gesellschaftsordnung. „Die Begegnung von Person zu Person ist dabei das Wichtigste“, ergänzt Professor Suin de Boutemard. Es brauche ein neues Bewusstsein. Dorothea Steigler wurde von einem bekannten georgischen Fernsehsender interviewt. Das zeige, die Hilfe aus Deutschland werde von den Georgiern wahrgenommen und sehr geschätzt. Mit den Begegnungen im Projekt wird auch der ökumenische Dialog in Gang gesetzt. „Ich selbst bin gerne zu den Gottesdiensten in die Klosterkirche gegangen. Die Mönche zeigten große Akzeptanz und tauschten sich mit mir auch über religiöse Themen aus“, berichtet Dorothea Steigler. Die Kontakte zu den georgischen Studenten sind auch nach ihrer Rückreise nicht abgebrochen. Auch wenn in Georgien oft weit entferne Internetcafes aufgesucht werden müssen, oder auf selten vorhandene Handys zurückgegriffen werden muss, per E-Mail oder SMS werden die entstandenen Freundschaften weitergepflegt. Dorothea Steigler will von Deutschland aus aber auch andere Brücken schlagen. Unter anderem denkt sie auch an eine Kleiderspendeaktion, die benachteiligten Frauen oder den Waisenkindern in den georgischen Heimen zugute kommen soll.
Bericht: Markus Bissinger
Bild: Dorothea Steigler (Mitte) berichtet Professor Suin de Boutemard (li) und dem Ökumenebeauftragten Pfarrer Renatus Keller (r) von ihrem Einsatz in Georgien. |