„Sie
war ein Stück vom Himmel für mich“, sagte Julian
– ein Satz, der hängen blieb bei allen Podiumsteilnehmern
am Freitagabend und gleichzeitig der Satz, der dem Film von Jo Baier
seinen Titel gab: „Das letzte Stück Himmel“.
Im Rahmen der ökumenischen Woche für das Leben zeigten
das Evangelische Dekanat Bergstraße, die katholischen Dekanate
Bergstraße Ost und West und das katholische Bildungswerk im
Heppenheimer Kupferkessel den Film und luden ein darüber zu
reden. Gesundheit - Höchstes Gut? Was macht das Leben lebenswert?
- das waren die Fragen, um die es sich drehte.
Jo Baier, der Regisseur war extra aus München gekommen, um
Einblicke hinter die Kulissen zu geben. Die evangelische Dekanin
Ulrike Scherf und Matthias Gehrmann, katholischer Seelsorger im
Zentrum für Soziale Psychiatrie in Heppenheim waren als Theologen
mit von der Partie, außerdem hatten sich die Veranstalter
Dr. Sabine Velthaus ins Boot, beziehungsweise aufs Podium geholt.
Sie ist Psychologin am Zentrum für Soziale Psychiatrie.
Die Moderation übernahm Helwig Wegner-Nord vom Evangelischen
Medienhaus, der viele Fragen vorbereitet hatte und damit für
eine facettenreiche Betrachtung des Themas sorgte. Wegner-Nord selbst
ist Online-Seelsorger der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau
und hat immer wieder Kontakt zu Menschen, die sich in schwierigen
Lebenslagen befinden.
Auch Julian aus dem Film geht es nicht gut. Er hat nie wirklich
den Tod der Mutter verkraftet, die an Krebs starb, als er vier Jahre
alt war. Mehrfach will er sich das Leben nehmen. Sein Bruder Anno,
der eine ganz andere Art hatte, mit dem Verlust umzugehen, holt
ihn aus Wuppertal nach München, um ihm zu zeigen, wie schön
das Leben ist. Er lässt ihn bei sich wohnen, zeigt ihm das
Münchener Nachtleben und geht mit ihm Segelfliegen. Außerdem
macht er ihn mit Laura Melzer bekannt, in die sich Julian sofort
verliebt. Sie ist das Stück Himmel, das er kennenlernen darf.
„Das war ein schöner Sommer“, urteilt Julian über
die Zeit in München, doch geändert hat es nichts.
Julian ist „lebenssatt“ wie er selbst sagt. Am Ende
des Films nimmt er sich das Leben. Doch was für den Laien eine
Depression ist, sieht Velthaus differenzierter: Julian hat Zwangsneurosen,
ist ein „Monk-Typus“, außerdem vermutet die Ärztin
einen genetisch angelegten Authismus. „Er ist näher am
Tod“, sagte sie, deshalb glaube sie auch nicht, dass er unter
Wahnvorstellungen litt, wenn er glaubte, mit der Mutter gesprochen
zu haben. „Glücksmomente erleben, kann man von psychisch
Kranken lernen“, meinte die Psychologin.
Eine Bootsfahrt auf dem Königssee wird ein viel intensiveres
Erlebnis, wenn man die Störfaktoren ausschaltet und genau das
können psychisch Kranke oft besser. „Wir – das
Filmteam – sind durch Julian darauf gestoßen, wir haben
alle durch Julian profitiert“, berichtete Jo Baier, der die
Bootsfahrt als das benannte, das das Leben lebenswert macht. Ob
das für ein Leben reiche, wollte Wegner-Nord wissen. „Sicherlich
nicht, aber man muss nicht immer Glück für ein ganzes
Leben erfahren.“
Da stimmte er mit Dekanin Scherf überein, die den Begriff des
Glücks tendenziell in der Spaßgesellschaft angeordnet
sieht. Dabei ginge ihm dabei ganz viel verloren. „Glück
wird auch oft dann empfunden, wenn Schmerz erfahren wird“,
weiß die evangelische Seelsorgerin und befindet: „Es
ist gut, dass wir Theologen nicht so tun, als würde das Glück
vom Himmel fallen“. Auch Gehrmann sieht es als schwierig an,
die negativen Dinge auszugrenzen: „Anno verkörpert die
Spaßgesellschaft in hohem Maß. Krankheit, Zerbrechlichkeit
haben keinen Platz.“ Er als Seelsorger könne nur das
Angebot einer Beziehung machen und die ist es auch nach einer amerikanischen
Studie, die das Leben lebenswert macht.
Die Psychologin Velthaus kennt die Studie, die die Ursachen für
Glück untersucht hat und zu dem Ergebnis kommt, dass Reichtum
und Prominenz nicht glücklich machen. Kranke hingegen sind
laut dieser Untersuchung oft glücklich. Eine sinnvolle Beschäftigung
und eine tragende Beziehung seien die Faktoren gewesen, die dem
Glück auf die Sprünge helfen, dabei müsse es noch
nicht mal ein Partner sein, auch Freunde und Familie können
auf Wolke sieben tragen.
Bild und Text: Marion Körner
|