Zeit
für Kirche – zwischen Zeitnot und Freizeit
Wann finden Menschen Zeit für Kirche und Glaubensfragen? Für
die Mehrzahl der Bevölkerung hat dieser Bereich keinen festen
Platz in ihrem Zeitplan. Wir verbringen heute deutlich weniger Zeit
mit Erwerbsarbeit als frühere Generationen. Hektik und das
Gefühl von Zeitnot haben trotzdem zugenommen. Das Gottesdienstangebot
am Sonntag steht in Konkurrenz zu vielen anderen Wünschen für
die Sonntagsgestaltung. Spezielle Gottesdienste hingegen, beispielsweise
auf dem Campingplatz, finden dagegen immer mehr Zuspruch. Wie kann
Kirche diese Entwicklungen zur Kenntnis nehmen und über Folgerungen
für sich selbst nachdenken? Um diese Frage ging es bei einem
Diskussionsabend am Montag, den 30 Oktober 2006, zu dem die Evangelische
Kirche an der Bergstraße ins Evangelische Gemeindehaus nach
Hähnlein eingeladen hatte.
Pfr. Dr. Hansjürgen Günther, Referent für Ökumene
im Evangelischen Dekanat Bergstraße, führte in seinem
Eingangsreferat in das Thema ein und stellte Ideen für zukunftsweisende
Antworten der Kirche vor. Günther machte dabei auf den scheinbaren
Widerspruch aufmerksam, dass trotz deutlicher Arbeitszeitverkürzung
in den letzten Jahren das subjektive Gefühl wächst, über
zu wenig Freizeit zu verfügen. Ursachen für diese Empfindung
sind unter anderem die zunehmende Flexibilisierung der Arbeitszeit
- nur noch 24% der Erwerbstätigen haben regelmäßige
Arbeitszeiten – und ein verändertes Freizeitverhalten.
Wir sind auf dem Weg zu einer Rund-um-die-Uhr-Gesellschaft. „Wie
soll hier eine Kirchengemeinde mit kontinuierlichen Gruppen arbeiten?“
fragt Günther. Sein Plädoyer wirbt für die Vision
einer „nachgehenden Kirche“, die fragt, wie immer mobiler
werdenden und unter Zeitnot geratenen Menschen die Kraft des Evangeliums
und Christus als "Fülle der Zeit" (Die Bibel, Galater
4,4) angesagt werden kann. Konkret schlägt Günther vor,
in Gemeinden mehr Projekte und kurzfristige Seminarreihen anzubieten,
die Zeiten der Gottesdienste am Sonntag flexibler zu gestalten,
den Menschen in ihrer Freizeit nachzugehen (Urlauberseelsorge, Campinggottesdienste,
Familienfreizeiten). Günther macht deutlich: Nachgehende Kirche
meint nicht eine jedem Trend nachlaufende Kirche, die Gottesdienst
zum Entertainment macht, der nur dann als gelungen empfunden wird,
wenn „was los war“. Das Plädoyer nach einer „Gemeinde
auf Zeit“ schließt Günther mit dem Wunsch auch
nach einer Ortsgemeinde, die ein Gegengewicht zur mobilen Gesellschaft
darstellt, die eine Kirche der kurzen Wege, des nachbarschaftlichen
Gemeindeaufbaus ist. Wir brauchen eine „Gemeinde auf Zeit“
und eine „Gemeinde auf Dauer“, so Günther.
Pfarrerin Edith Unrath-Dörsam und Ursula Tischer-Bücking,
beide verantwortlich für den Arbeitsbereich "Gesellschaftliche
Verantwortung" im Evangelischen Dekanat Bergstraße, trugen
dann Ergebnisse aus den vorhergehenden Veranstaltungen unter dem
Thema „Zeit gestalten - Zeit erleiden“ vor. Abschließend
nutzten die Teilnehmer noch die Gelegenheit, miteinander ins Gespräch
zu kommen.
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