Marianne Lebrecht liest aus ihrem Buch über den Widerstand
ihres Vaters
und der Bekenntnisgemeinde Groß-Zimmern am Donnerstag, 15.
November. Pfarrer Heinrich Lebrecht aus Groß-Zimmern war nach
nationalsozialistischer Ansicht „nicht-rein-arischer Abstammung“
und wurde von den Nationalsozialisten amtsenthoben. Evangelische
Gemeindemitglieder in Groß-Zimmern traten in großer
Zahl der „Bekennenden Kirche“ bei und stärkten
ihrem Pfarrer den Rücken.
Es waren nicht nur Pfarrer, die sich im Kirchenkampf engagierten,
auch evangelische Gemeindemitglieder traten der „Bekennenden
Kirche“ bei und stärkten ihren Pfarrern den Rücken.
Dies verdeutlicht die Geschichte von Pfarrer Heinrich Lebrecht aus
Groß-Zimmern, der nach nationalsozialistischer Ansicht „nicht-rein-arischer
Abstammung“ war.
Lebrecht kritisierte im Jahr 1934 in seinem wöchentlich erscheinenden
„Sonntagsgruß“ die Vorstellung, dass Jesus ein
Arier sei und die arische christliche Religion durch Paulus „verjudet“
worden sei. In einer späteren Ausgabe des „Sonntagsgrußes“
informierte er darüber, dass ihm im Auftrag des Landesbischofs
mitgeteilt worden sei, dass die Verlesung der "Botschaft der
Bekenntnissynode" im Gottesdienst die Amtsenthebung nach sich
ziehe. Bereits eine Woche später teilte er seiner Gemeinde
mit: „Am Samstag, 3. November um 11.45 Uhr, bekam ich die
fernrufliche Nachricht, dass ich meines `Amtes´ enthoben sei.“
Sein Sohn Karl Albrecht berichtet Jahrzehnte später, dass die
Suspendierung auf Bestreben des Bürgermeisters und des Schulrektors
erfolgt sei.
Als der neue Pfarrer, der den Deutschen Christen angehörte,
die Amtsgeschäfte in Groß-Zimmern übernehmen wollte,
blieb ihm die Kirche versperrt: Der Küster gab die Kirchenschlüssel
nicht heraus. Daraufhin reiste der Ersatz-Pfarrer ab. Der Kirchenvorstand
beschloss kurz darauf, dass er es ablehne, in den eigenen Räumen
einen Pfarrer amtieren zu lassen, der „gegen den Willen des
Kirchenvorstandes an Stelle des Pfarrers Lebrecht .... bestimmt
werden sollte.“ Am Sonntag, 4. November, holte der Kirchenvorstand
Pfarrer Lebrecht im Pfarrhaus ab, zog mit ihm in die Kirche ein
und nahm auf beiden Seiten des Altars Platz. Die Gemeinde war so
zahlreich erschienen, wie seit langem nicht mehr. Pfarrer Lebrecht
schrieb dazu, dass es für ihn sehr stärkend gewesen sei,
„dass die Herren des Kirchenvorstandes sich so klar und sich
selbst vergessend für die Sache der Bekennenden Kirche eingesetzt
haben.“
Obwohl die Pfarrstelle Groß-Zimmern eine „Unabkömmlichkeits-Stelle“
war, wurde Pfarrer Lebrecht zur „Organisation Todt“
eingezogen, die kriegswichtige Bauarbeiten im Deutschen Reich und
im besetzten Europa durchführte. Am 5. Februar 1945 teilte
der zuständige Oberfeldarzt mit, dass der Pfarrer an einer
Wundrose in Folge eines Bombenangriffs gestorben sei. Doch den Sohn
plagten angesichts der Exhumierung seines Vaters im Jahr 1953 Zweifel:
„Das rechte Schulterblatt schien gedrückt, drei Rippen
rechts gequetscht – durch Schlag oder Druck? Die Goldzähne
fehlten.“ Im Hinblick auf diese Ungereimtheiten erklärte
das Bundesarchiv Koblenz 1980, dass nach einer Entscheidung des
„Führers“ die nicht wehrpflichtigen Halbjuden zu
Arbeitsbataillonen im Rahmen der „Organisation Todt“
eingezogen wurden. Weiterhin heißt es: „Die Lager waren
von Stacheldrahtzäunen umgeben und die Lagerinsassen bewacht.
Die Behandlung dieser Zwangsarbeiter war in weitgehendem Maße
von der Person des jeweiligen Lagerleiters abhängig.“
Marianne Lebrecht liest aus ihrem Buch über den Widerstand
ihres Vaters und der Bekenntnisgemeinde Groß-Zimmern am Donnerstag,
15. November 2007, 19.00 Uhr. Zuvor gibt es ein Friedensgebiet mit
Pfarrer Gerhard Hechler im Evangelischen Gemeindehaus in Jugenheim,
in der Lindenstraße 6. Der Eintritt ist frei.
Text: Pfarrer Gerhard Hechler/Presseabteilung der Evangelischen
Kirche in Hessen und Nassau
Bild: Privatbesitz Lebrecht
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