Wild sieht er aus und unangepasst, die langen Haare von einer Kappe
gebändigt. Trotz schwarzer Hose und weißem Hemd wirkt
er lässig. Hinter ihm das große Holzkreuz der evangelisch-lutherischen
Kirche in Birkenau. Drei Flaggen in Orange und Gelb hängen
über den Altar. Denn „Flagge zeigen“ war das Motto
der ThomasMesse bei dem Gerhard Schöne musikalischer Gast war.
Auch er hat zu DDR-Zeiten immer wieder Flagge gezeigt. Hat Lieder
geschrieben und gesungen, die ganz offensichtlich nach Freiheit
schrien, die die Regierung kritisierten.
In der Predigt bezog sich Renatus Keller, Pfarrer für Mission
und Ökumene im Evangelischen Dekanat Bergstraße, ebenfalls
darauf, Flagge zu zeigen. „Es heißt dort ja nicht: „Seid
ein bisschen Salz in der Suppe“, sondern Jesus sagt zu denen,
die sich an ihn halten: „Ihr seid das Salz der Erde!“
Wir sind ja in aller Bescheidenheit - und ich meine das sicher nicht
zynisch – wir sind an dieser Stelle lieber ein kleines Licht,
singen von „einem bisschen Frieden“ – und zugleich
spüren wir, es ist mehr als zweifelhaft, ob das zukünftig
langt“, gibt Keller zu. Flagge zu zeigen erfordert Mut, aber
dank Jesus werde der Anspruch Flagge zu zeigen, oder Salz der Erde
zu sein, Licht der Welt,wird so nicht nur zu Aufgabe und Last, sondern
macht unser Leben reicher und schöner, weil wir hier erfahren,
wovon und wofür und woraufhin wir leben.
Das Wort Flaggenträger, gefiel Schöne dennoch nicht. „Ich
will nur Geschichten erzählen“, sagt er immer wieder.
Auch im Gottesdienst am Sonntag bei dem Kurzinterview mit Pfarrer
Keller zeigte sich Schöne so bescheiden. „Die Geschichten
von couragierten Menschen machen mir Mut und das will ich weiter
geben.“ Gerhard Schöne ist nicht groß gewachsen
und doch ist er ein ganz Großer. Seit fast 30 Jahren steht
Schöne auf der Bühne, durch seine Kinderlieder sind Generationen
miteinander verbunden, aber auch die Lieder für Erwachsene
haben weite Kreise gezogen, eines seiner Lieder ist sogar im Evangelischen
Gesangbuch zu finden, seine Interpretation eines Südafrikanischen
Liedes.
Seine Größe zeigte Schöne beim Konzert vor allem
auch mit seinen ersten Songs. Der Liederpoet scheute sich nicht
davor, seine allerersten Stücke vorzutragen. „Weine nicht,
wenn der Vater sagt: Ins Bett!“ schrieb er als Junge auf die
Melodie von „Marmor, Stein und Eisen bricht“. Ein Lied,
mit dem er das Publikum gleich auf seiner Seite hatte, denn lachen
war von ihm eindeutig erwünscht. Er hat Ernsthaftigkeit in
seinen Texten, die oft sozialkritisch daher kommen, auf alle Fälle
aber unbequem auf Fehlverhalten aufmerksam machen, wie „Wellensittich
und Spatzen“, wo es sich um die Reaktion auf Menschen dreht,
die anders sind. Doch Schöne vergaß nie den Spaß,
sang Kinder- und Schlaflieder zwischendurch „zur Entspannung“,
wie er sagte. Aber auch auf Glücksmomente besann er sich, die
Momente, die vielleicht am Lebensende als Film vor seinem Auge ablaufen.
Es waren nicht die großen Ereignisse, sondern Momente, in
denen man denkt: „Vielleicht wird's nie wieder so schön“.
Mit seiner Stimme, die ein bisschen R einhard May ist, ein klein
wenig Udo Jürgens und vor allem viel Gänsehaut, bot Schöne
am Sonntag in Birkenau einen Querschnitt seines Schaffens, auch
aus den neusten Produktionen hatte er etwas dabei. Schöne hat
Bildern eine Geschichte gegeben, Fotografien bekannter Künstler
mit Texten und Melodien versehen. Louis Stettner Foto von einer
Pfütze auf Asphalt, die den Himmel mit Wolken wiederspiegelt
hat ihn beispielsweise inspiriert zu dem, was Pfützen so alles
sehen können. Und da war er ganz ehrlich, den Mädchen
unter den Rock zum Beispiel und wieder war das Lachen da, wo im
vorherigen Lied ein ernsthaftes und zustimmendes Nicken die Geschichte
eines Mexikaners begleitete, der als Kartenabreißer im Kino
immer seine Bibel dabei hat – das volle Leben eben mit viel
Gottvertrauen, verpackt in einen Abend, der beim Publikum in der
gut besuchten Birkenauer Kirche gut ankam – und das nicht
nur wegen Schöne und seinen Liedern, sondern auch dank des
tollen und gastfreundlichen ThomasMessen-Teams um Pfarrer Renatus
Keller.
Bild: Bernd Camin
Text: Marion Körner
|