06.10.2006 Studienfahrt Quedlinburg – Magdeburg – Stendal – Tangermünde – Gernrode und Tilleda

Rückblick auf eine gelungene Fahrt des Evangelischen Dekanates Bergstraße

Selten habe ich an einer so gut vorbereiteten Studienreise teilge­nommen. Sie begann mit einem Vorgespräch zwei Wochen vor Reiseantritt, einem entspannten Kennen lernen der Teilnehmer, bei dem wir u. a. einen Film der Deutschen Stiftung Denkmal­schutz über unser erstes Reiseziel Quedlinburg sahen, vorgestellt von Prof. G. Kiesow. Mir wurde an dem Abend schnell klar, dass dies eine höchst harmonische Reise werden würde, eine Reise, bei der sowohl die Ehepaare als auch die Alleinstehenden bestens miteinander auskommen würden.

Unsere viertägige Busreise begann am 21.9. morgens 6 Uhr in Heppenheim. Da die neue Autobahn zwischen Friedland/Göttin­gen und Halle vorerst nur in Teilstrecken fertig gestellt ist, fuhren wir über Landstraßen im Harz zunächst nach Duderstadt. Bei dem kurzen Halt erlebten wir eine sehr sympathische, in den vergangenen 30 Jahren toll renovierte Stadt mit vielen Fachwerkhäusern, dem bekannten Rathaus und einer ev. Kirche mit Jugendstilausschmückung. Weiter ging es durch Braunlage, Elend, Rübeland und Blankenburg nach Quedlinburg, unserem ersten Reiseziel.

Seit 1994 gehört die Altstadt von Quedlinburg zum UNESCO Welt- und Naturerbe der Menschheit. Wir hatten eine Führung sowohl durch die wunderbar renovierte Stadt als auch durch die Stiftskirche St. Servatius mit ihrem be­rühmten Schatz. In Quedlinburg lernten wir auch mehr über die wirtschaftliche Entwicklung nach der Wende (d.h. der Wiedervereinigung), nämlich die große Arbeitslosigkeit in Ostdeutschland infolge der Schließung vieler Betriebe, die Entvölkerung, weil insbesondere viele junge Menschen ihre Heimatorte verlassen, um in den alten Bundesländern einen Arbeitsplatz und eine neue Perspektive zu finden.

Weiter ging es nach Magdeburg, unserem Quartier für die kom­menden Tage. Magdeburg, im Jahre 805 erstmals als Handels­platz erwähnt, ist Hauptstadt des Bundeslandes Sachsen-Anhalt. Ich hatte vor gut 30 Jahren Magdeburg und den Dom besucht und war positiv überrascht von all den Veränderungen. Die Stadt ist heute sauber, die meisten Häuser sind stilvoll restauriert, es gibt viele Grünanlagen, Parks und natürlich das große Gelände der Landesgartenschau von 1999. Magdeburg hat 230.000 Ein­wohner, eine Universität, ein Max-Planck- und ein Frauenhofer-Institut, aber es hat infolge der abnehmenden Bedeutung des Schwermaschinenbaus in den vergangenen 15 Jahren etwa 60.000 Einwohner verloren.

Nach einem ausführlichen geführten Stadtrundgang pausierten wir über Mittag im Hof des prächtigen Hundertwasserhauses, bevor wir den Dom St. Mauritius besuchten. Der hat imposante Ausmaße: Länge: 120m, Turmhöhe: 104m, Gewölbehöhe im Mittelschiff: 34m. Der Bau dieser gotischen Kathedrale begann 1209, zwei Jahre nach einem großen Feuer, welches einen Grossteil der mittelalterlichen Stadt sowie den ottonisch-romani­schen Dom zerstört hatte.
Bevor wir ins Kulturhistorische Museum gingen, sahen wir uns noch die liebenswerte Ausstellung „Tausend Jahre Taufen in Mitteldeutschland“ an. Was hat man da nicht alles zusammen­getragen: Taufsteine, Taufbecken, Taufständer, Taufscha­len und -kannen; Taufkleidchen und –schmuck, Taufurkunden und –münzen, und ganz viele schwebende, stehende und kniende En­gel, Leihgaben aus vielen Orten der Kirchenprovinz Sachsen.

Die große Landesausstellung in Magdeburg zeigt Exponate von der Zeit Otto des Großen bis zum Ausgang des Mittelalters (962-1495), die Fortsetzung ist im Deutschen Historischen Museum in Berlin zu sehen (1495-1806). Anlass dieser Doppelausstellung ist der 200. Jahrestag des Endes des Heiligen Römischen Rei­ches Deutscher Nation. Dieses ging mit der Niederlegung der Reichskrone durch den Habsburger Kaiser Franz II am 6. August 1806 unter.

Es ist nur schwer in Worte zu fassen, welche Fülle an Informati­onen über Kaiser und Volk, Politik und Wirtschaft, Kunst und Religion für diese Ausstellung zusammengetragen wurde. Wert­volle Skulpturen, prächtige Bildhandschriften, edler Schmuck, Textilien, sakrale Gegenstände, Siegel, Münzen, Schnitzereien u. v. m. dokumentieren die Entwicklung unseres Volkes und unsere wechselvolle Geschichte, die höfische und die weltliche Lebens­art, Dichtung, Kunst und Religiosität, zeigen die starken, weg­weisenden und die schwachen Herrscher, den Machtanspruch der Fürsten und aufstrebenden Ministerialen, die Auseinander­setzung zwischen Kaisertum und Papsttum, kurzum fast 550 Jahre unserer Vergangenheit. Es lohnt sich unbedingt, nach einer Führung noch einmal allein durch die Räume zu gehen, um die wichtigsten Kunstwerke und Schrifttafeln noch einmal zu be­trachten.

An unserem dritten Reisetag war ein Ausflug nach Stendal und Tangermünde vorgesehen. Stendal war einst die größte Stadt der Mark Brandenburg. Sie blühte wirtschaftlich auf nach dem Bei­tritt zur Hanse (1359) und nennt sich wegen ihrer reizvollen historischen Bauten „die Stadt der Backsteingotik“. Eindrucks­voll sind das Stadttor, der Dom St. Nikolaus, das Rathaus mit seinem 7,80m hohen Roland und die Hauptkirche St. Marien mit der prachtvollen Innenausstattung.

Höhepunkt im wahrsten Sinne war der Besuch von Tanger­münde. An diesem strahlenden Spätsommertag konnte jeder Rei­seteilnehmer die vor etwa 800 Jahren im Schutze einer Burg ent­standene Stadt an der Elbe selbst erkunden und entlang des Stroms spazieren gehen. Im Garten des Schlosshotels fand eine Hochzeit statt, in der St. Stephanskirche übte der Organist, und nach dem Ersteigen des Turms der Burganlage hatten wir einen phantastischen Rundblick über Elbe und Tanger und die Kirch­türme von Stendal und Jerichow. Beschwingt ging es zurück zu unserem Magdeburger Quartier, dem IC-Hotel mit seinen funk­tionalen Zimmern und den guten Büffets.

Am Morgen des letzten Reisetages durchquerten wir auf kleinen Sträßchen die fruchtbare Magdeburger Börde. Unser Ziel war das am Nordrand des Harzes gelegene Städtchen Gernrode, ein vor allem zu DDR-Zeiten sehr beliebter Erholungsort am Stre­ckenbeginn der Selketalbahn. Die bedeutendste Sehenswürdig­keit ist die romanische Stiftskirche St. Cyriakus. Wir nahmen am sonntäglichen Gottesdienst teil, den ein Gospelchor sehr fröhlich mitgestaltete. Danach fuhren wir durch den sich leicht gelb fär­benden Blätterwald des Harzes und durch Streuobstwiesen in Richtung Kyffhäusergebirge zur rekonstruierten Kaiserpfalz Tilleda. Beim Rundgang über die Grabungen auf dem Pfingst­berg genossen wir die Sonne, die Sicht über die liebliche Land­schaft, die freundschaftlichen Gespräche und natürlich die (al­lerdings wenigen) Zeugen der Pfalzanlage. Gegen 22 Uhr waren wir zurück in Heppenheim.

Sabine Leigh, Fürth