01.10.10 "Mehr Mut und Phantasie für Gerechtigkeit - Heppenheimer Erklärung gegen Armut und Ausgrenzung"


Das Evangelische Dekanat und die Katholischen Dekanate Bergstraße haben sich mit einer gemeinsamen Erklärung in die Diskussion um Armut und Gerechtigkeit eingeschaltet.  „Wir treten dafür ein, dass jeder Mensch in Würde leben und unabhängig vom Einkommen in vollem Umfang am gesellschaftlichen, sozialen und kulturellen Leben teilhaben kann“,  heißt es in der Heppenheimer Erklärung „Mehr Mut und Phantasie für Gerechtigkeit“.

Der Dekan des Katholischen Dekanats Bergstraße-Mitte, Thomas Groß, warnte davor, dass Ungerechtigkeit und soziale Schieflage  das gesellschaftliche Klima vergiften  könnten. „Als Kirche sind wir aufgerufen,  Missstände anzusprechen. Denn die Option der Kirche ist die Option für die Armen“, so Dekan Groß.

 „Die Situation für Menschen, die in Armut leben, hat sich verschlechtert. Bei den Tafeln sehen wir unmittelbar, wie groß die Not inzwischen geworden ist“, betonte die Dekanin des evangelischen Dekanats Bergstraße, Ulrike Scherf. Der Adressat der Heppenheimer Erklärung sei die Politik. Die Kirchen appellierten an die politisch Verantwortlichen, die grundlegenden Prinzipen der Menschenwürde und Gerechtigkeit nicht außer Acht zu lassen.

Der Präses des Evangelischen Dekanats Axel Rothermel, erinnerte daran, dass immer mehr Tafeln immer mehr Menschen mit Lebensmitteln versorgen.  „So etwas gab es vor zehn Jahren nicht. Die Tafeln in Bensheim, Bürstadt, Lampertheim, Rimbach und Viernheim sind ein Gradmesser, dass etwas nicht stimmt.“ Aus christlicher Sicht habe jeder Einzelne ohne Gegenleistung das Recht auf ein menschenwürdiges Leben.

Begleitend zur Heppenheimer Erklärung haben die Dekanate Menschen aus der Region porträtiert, die von Armut bedroht oder betroffen sind. Eine 69jährige Rentnerin aus Rimbach wird zum Beispiel mit den Worten zitiert: „Ohne die Tafel könnte ich nicht überleben.  Es war ein schwerer Schritt. Bei ersten Mal habe ich über eine halbe Stunde den Tafel-Laden von der anderen Straßenseite beobachtet, bevor ich mir einen Ruck gab. Wenn ich dort in einer langen Schlange auf Lebensmittel hätte warten müssen, wäre ich niemals hineingegangen“. Dass Armut aus Scham oft versteckt werde, bestätige Renate Flath, Referentin des katholischen Dekanats Bergstraße, die sich für den Bensheimer Arbeitslosentreff Lichtblick engagiert. „Viele Betroffene erleben es als demütigend zur Tafel gehen zu müssen“.

In der Heppenheimer Erklärung kritisieren die Kirchen, dass die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinander gehe. Das verletze das Gerechtigkeitsempfinden vieler Menschen. Als Beispiel führen sie unter anderem an, dass Besserverdienende, die nach der Geburt ihres Kindes zu Hause bleiben, weiterhin den Höchstbetrag des Elterngeldes bekommen, während einer alleinerziehenden Frau, die von Hartz –IV lebt, eine entsprechende Unterstützung ersatzlos gestrichen werden soll.  „Damit bestehe die Gefahr, dass Hartz-IV-Empfänger den Eindruck gewinnen, ihr Kind sei der Gesellschaft weniger wert “, sagte Dekanin Scherf. Wenn die Politik argumentiere, dass Elterngeld für Arbeitslose systemfremd sei, dann könne man  ja im Sinne der Heppenheimer Erklärung „mehr Mut und Phantasie für Gerechtigkeit“ wagen und sich zur Unterstützung von Hartz-IV-Familien etwas einfallen lassen, was nicht systemfremd sei, erklärten die Bergsträßer Dekanate.

Die Heppenheimer Erklärung gegen Armut und Ausgrenzung wollen die Kirchen mit den Bergsträßer Bundestagsabgeordneten diskutieren. Dazu laden sie am Freitag, 15. Oktober zu einer Veranstaltung mit den Bergsträßer Bundestagsabgeordneten Dr. Michael Meister (CDU) und Christine Lambrecht (SPD) ein. Sie beginnt um 19 Uhr im Diakoniezentrum Rimbach, Schlossstr. 52a.

Den Wortlaut der Heppenheimer Erklärung finden Sie hier

Foto: beim "Anschlag" der Heppenheimer Erklärung an die Tür des Hauses der Kirche in Heppenheim
von links n. rechts Axel Rothermel, Ulrike Scherf, Thomas Groß, Renate Flath
Text u. Foto: bet